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Von der Kunst, sich selbst überflüssig zu machen

~Gastbeitrag von Lea Hauser ~ Im Rahmen des alljährlichen Blogwichtelns im Texttreff, dem besten Textfrauen-Netzwerk der Welt, darf ich, Lea Heuser a.k.a kommunikatz, diesmal Silke Bicker beschenken. Zu unseren Berührungspunkten gehört neben dem Schreiben und der Öffentlichkeitsarbeit auch ein starker Hang zur Natur und nachhaltigem Leben.

Medienarbeit ist schon lange eines meiner Steckenpferde. Es begann vor fast 20 Jahren im AStA der RWTH Aachen, dem allgemeinen Studierendenausschuss, wo ich als Sozialreferentin eng mit dem Öffentlichkeitsreferat verbandelt war und sämtliche Pressemitteilungen oder Infobroschüren zu meinen Inhalten selber schrieb. Dabei lernte ich fast alles, das ich heute noch anwende, autodidaktisch oder von meinen Kommiliton*innen. Mein Studium der Kommunikationswissenschaft gab in dieser Hinsicht erstaunlich wenig Konkretes her.

Schon während des Studiums engagierte ich mich ehrenamtlich auch in Zusammenhängen außerhalb der Hochschulblase. Da ich überall, wo ich auftauchte, Diejenige mit der meisten Ahnung von Öffentlichkeitsarbeit war, hatte ich auch immer schnell diesen Hut auf – was mir durchaus gefiel, denn mein Netzwerk lokaler wie überregionaler Medienmenschen vergrößerte sich zusehends und quer durch die verschiedenen Themenfelder kamen meine Pressemitteilungen, Statements und Aktionsbegleitungen gut an. Ganz nebenbei und zufällig baute ich mir eine Reputation als ernstzunehmende Stimme verschiedener NGOs auf, vom international renommierten Aachener Friedenspreis e.V. über einen Selbsthilfeverein für Assistenzhunde-Halter*innen (ich bin blind und habe selbst einen Blindenführhund) bis zu diversen lokalen Klimaschutzinitiativen.

Oft standen Gruppen auf der Matte, die meine Unterstützung in Sachen Pressearbeit suchten. E-Mails im Stil von „Wir machen morgen/in zwei Stunden/jetzt gerade diese und jene Aktion, kannst du dazu was an die Presse geben?“ waren an der Tagesordnung. Die Leute hatten keine Ahnung, wie viel Arbeit sowas war, dass es ein paar Tage Vorlauf brauchte und ich zumindest Eckdaten benötigte, um etwas über ihre Aktionen zu schreiben. Um mir solche spontanen Überfälle zu ersparen, den Leuten die Abläufe klar zu machen und sie im Idealfall selbst in die Lage zu versetzen, ihre Öffentlichkeitsarbeit aus einer Hand zu machen, stellte ich Checklisten aller wichtigen Punkte zusammen und bot kostenlos kleine Workshops und Fragerunden an. Wie muss eine Pressemitteilung aufgebaut sein? Wann, wie und an wen verschicke ich sie? Was ist bei Interviews wichtig? Wie verhindere ich, dass eine konspirativ geplante Aktion durch die Pressearbeit zu früh auffliegt? Die Aktivisti* nahmen das Empowerment dankend an.

Vielen half ich beim Aufbau eines Presseverteilers, indem ich öffentlich verfügbare Kontakte weitergab und das Handwerkszeug für eigene Recherche vermittelte. Oft stellte ich auch den Erstkontakt zu Presseleuten her und übergab den Staffelstab dann an Aktive der jeweiligen Gruppen. Extinction Rebellion Aachen, Untergruppen von Fridays for Future, die Aachener Supportgruppe für den Hambacher Wald und die lokale Gruppe der Seebrücke sind nicht zuletzt durch meine Starthilfe inzwischen längst fit in eigenständiger und guter Pressearbeit. Beinahe fühle ich mich schon überflüssig und habe den Eindruck, mich gar nicht mehr in die mir selbst ja auch so wichtigen Themen einbringen zu können, weil ich mein Wissensmonopol verloren habe. Aber das war Absicht, ich wollte mich ja entlasten, und das ist definitiv geglückt. Das mittelfristige Ziel jeder Arbeit zu Umwelt-, Klimaschutz und Frieden, sich selbst überflüssig zu machen, ist leider deutlich schwerer zu erreichen.

Ich bin in diesen Dingen gern überflüssig. Schließlich geht es nicht um mich sondern um die Sache, und wenn die Sache auch ohne mein ständiges Zutun groß rauskommt, weil Menschen dazulernen und das Gelernte effektiv anwenden, freut mich das umso mehr. Die Gruppen wissen, dass ich im Hintergrund weiterhin auf Abruf stehe und bei Fragen jederzeit ansprechbar bin. Viele Aktionen finden zurzeit wegen des Lockdowns eh nicht statt, so dass es leider um die meisten Themen, die nicht mit dem neuartigen Corona-Virus zusammenhängen, sehr ruhig geworden ist. Da gäbe es sicher Potential, mit guter Öffentlichkeitsarbeit einen Unterschied zu machen, aber dieser Ball liegt längst nicht mehr alleinig in meinem Feld. Dafür liegt dort inzwischen der Ball des Aachener Welthauses, das seinerseits für Nachhaltigkeit und Ökologie steht und für dessen Trägerverein ich seit zwei Jahren die Geschäftsführung mache. Auch dadurch unterstütze ich viele der Initiativen und Vereine indirekt und bleibe ein Teil der Bewegung. Und solange ich fürs Welthaus und den Friedenspreis weiter den Pressehut tragen und mit den Medien kommunizieren darf, werden diese mich und meine offenbar nicht ganz schlechte Arbeit auch nicht vergessen.

Diesen Gastbeitrag schrieb Lea Hauser im Rahmen des jährlichen Texttreff – Netzwerk wortstarker Frauen – Blogwichtelns 🙂

Autor:

Mein Name ist Silke Bicker. Ich schreibe verständliche Texte für die Umweltbildung und verschiedene Medien. Über ökologische Strukturen, Naturpädagogik, nachhaltige Themen. Dazu workshoppe und berate ich zu Öffentlichkeitsarbeit. Für Verlage, Vereine, Dienstleistungsunternehmen. Und demnächst für Sie?