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Freies Landei oder warum ich mitten im ländlichen Grün leben muss

~ Gastbeitrag von Katarina Flanagan ~ Eigentlich bin ich als Stadtkind groß geworden und habe 40 Jahre lang durchgehend in Städten gelebt. Zuletzt verschlug es mich in die größte unserer Metropolen, Berlin. Und erst dort wurde mir so richtig bewusst, was mir Grundlegendes fehlte. Trotz Biologie-Studium viele Jahre gefehlt hatte: der direkte Bezug, die unmittelbare Nähe, eine persönliche Bindung zur Natur. Greifbar und nicht erst per ÖPNV oder Auto zu erreichen, eingequetscht in die knappe Freizeit.

Nein, ich musste mittendrin leben. Irgendwie Teil davon werden. Zumindest von dem, was der Natur noch einigermaßen nahe kommt in unserer durch und durch menschengeprägten Kulturlandschaft. Zur Tür hinaus gehen, saubere Luft atmen, Stille hören, Waldduft schnuppern, Ferne und Spuren im unberührten Schnee sehen, über Grasrispen streichen. Jeden Tag. Und über Jahre Wurzeln dort fassen.

Ich wurde freies Landei

Vor fast 10 Jahren verwirklichten wir uns endlich den gemeinsamen Traum vom alten Haus auf dem Land mit Wiese und Wald. Geschafft! Inzwischen habe ich es wirklich, wirklich gut. Hier am Dorfrand im tiefsten Mittelgebirge schaue ich nun aus den kleinen Bogenfenstern in den dicken Feldsteinmauern unseres 150-jährigen Arme-Leute-Hauses. Direkt auf angrenzende Wiesen und den dahinterliegenden Wald. Unsere selbst angelegten Nutzgärten schenken uns leckerste Nahrung. Das selbst gemachte Brennholz wärmt uns und unser Duschwasser.

Was das mit meiner Selbstständigkeit als freiberufliche Texterin zu tun hat? Die ist direkt aus meiner spät entfalteten Naturverbundenheit erwachsen und ergänzt sie ideal. Womöglich wäre ich sonst nie auf diese geniale Idee für meinen verkopften Kopf gekommen. Ich arbeite komplett remote vom Heim-PC aus, nur über LTE-Funk mit der ganzen Welt verbunden. Mein vorheriges Berufsleben hat mich jedenfalls genug reisen und analoge Kundenpflege machen lassen, dass es für drei Leben reicht. Mir fehlt dahingehend nichts. Und ich kann mir für meine neue Berufung nichts Besseres wünschen.

Texten & Natur, Natur & Texten

Mein Tagesrhythmus folgt der Sonne, der Witterung und den Jahreszeiten. Das fühlt sich ausgesprochen gesund an. Ich kann stundenlang beim Recherchieren und Texten gedanklich verreisen, kreativ aus dem Vollen schöpfen. Mehrmals täglich hole ich mir dann die Erdung draußen. Unser Hund weiß genau, wann zu pausieren ist, wann mein Schädel eng zu werden beginnt. Er sagt Bescheid und wir gehen meistens zu Dritt.

Die Gedanken fliegen den Augen hinterher in die Ferne – weiten, lüften und sortieren sich. Farben wie Fichten-, Buchen- und Grasgrün, Himmelblau oder Nebel- und Wolkengrau so weit der Blick reicht. Nichts Grelles, Schrilles, Kreischendes hier. Tiefe Atemzüge tun ihr übriges, Wind und auch mal ordentliche Wetter sowieso. Beide Füße spüren den Boden. Keinen Beton, keinen Asphalt.
So, Zwischenspeicher ist leer. Und jetzt wieder an die Tasten.

Bei gutem Wetter geht es gleich mehrere Stunden raus in die beiden Gärten. Zum Wühlen in duftender Erde. Urlaub ohne Kofferpacken. Hase, Frischling und Ricke mit Kitz freuen sich am Gemüse mit – und Unmengen von Mäusen. Fuchsgebell und Singvogelstrophen. Kolkrabenrufe und irres Spechtgehämmer. Gesummse im Wimmelgarten und Zirpen von der Wiese. Herrlich. Und danach fliegen mir die Worte zu.

Mein Fazit: Nur so geht‘s für mich

Ich habe hier die Freiheitsgrade, Beruf und Freizeit gestalten zu können, wie sie für mich sein müssen. Das lässt mich gerne auf vieles verzichten, was Stadtleben für andere attraktiv macht. Frau Frisch gegenüber ist 102 Jahre alt, macht ihrem Namen Ehre, lebt seit Jahrzehnten allein – und verlässt nie das Dorf. Klar, auch die Schattenseiten nehme ich in Kauf: lange Wege, eigentümliche Dorfmentalitäten, Spritzerei mit Gülle und Schlimmerem durch die konventionellen Bauern hier. Natürlich ist das nicht jedermanns oder jederfraus Sache, soll es auch nicht. Natur und Selbstständigkeit miteinander zu verbinden, kann auch völlig anders aussehen. Ich jedenfalls liebe mein jetziges Leben wie es ist. Und du?

Dr. Dipl.-Biol. Katarina Flanagan, freie Webautorin & Texterin 

P. S.: Dieser Gastbeitrag nimmt an der Blogaktion „NaturWert in der Selbstständigkeit“ (11-12/2020) teil.

Autor:

Mein Name ist Silke Bicker. Als Referentin für Umweltkommunikation berate ich zu Öffentlichkeitsarbeit (PR) und ökologischer Nachhaltigkeit. Dazu führe ich Workshops für Laien und Fachkräfte so durch, dass die Teilnehmenden sich trauen möglichst viel Inhalte später selbst umzusetzen.