Erdhaftig – Silke Bicker | Kommunikation: Naturwissen & PR

Gier frisst Hirn III – Überschwemmungsgebiete zum Nutzen aller!

Wiese hell buntDas Wissen über Hochwasserschutz und Flussmanagement ist längst da und dennoch werden weiter munter Baugebiete in Hochwasserlagen angesiedelt. Bis 1973 gab es zum Beispiel in Niedersachsen noch eine gesetzliche Verordnung, die auf der Preußischen Landesaufnahme beruhte. Demnach durfte in Überschwemmungsgebieten nicht gebaut werden. Nach 1973 wurde sie nicht mehr verlängert. Unsere Hochwasserkatastrophen sind also politisch gewollt. In meinem Beitrag „Gier frisst Hirn II – Umgang mit Auen“ schrieb ich ausführlich über die Ärgernisse, die bisher daraus entstehen und noch einiges mehr.

Wollen wir, dass das so bleibt?

Seit der Hochwasserkatastrophe im Juni 2013 an Donau, Elbe, Saale tut sich wieder etwas in den Köpfen – sowohl denen unserer Politiker als auch in denen vieler Bürger.

Eine kleine Fantasiereise: Was wäre eine Niederung ohne Bach und Binsen?
Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich das Tal vor:
grün, viele bunte Blütentupfer, einige Kühe und Schafe weiden… atmen Sie tief ein und saugen den Duft der vielen verschiedenen Gräser und Kräuter ein. Lauschen Sie auf das leise Gluckern des Bachs, das Zwitschern der Vögel in den Bäumen am Bach und auf dem Grünland…. Was sehen und hören Sie alles? Überlegen Sie, schauen Sie sich um….
Jetzt drehen Sie sich zweimal um die eigene Achse. Nun erblicken Sie das gleiche Tal. Sie stehen auf einer kleinen Anhöhe und blicken hinunter, reiben sich die Augen – der Bach ist weg, verfüllt oder verrohrt. Das Tal ist nur stellenweise noch grün, da, wo heute die Schrebergartensiedlung steht. Drumherum stehen Einfamilienhäuser, Arztpraxen, Apotheken und ein Bioladen. Dort, wo der Bach floss, ist heute das Einkaufszentrum.

Bleiben wir bei dem Modell der Fantasiereise: Solche Niederungen sind häufig Überschwemmungsgebiete. Glauben Sie, nur weil sich dort jetzt Häuser und Gärten befinden, ändert sich daran etwas? Jahrelang passiert nichts. In manchen bodenfeuchten Gärten sieht man eventuell die eine oder andere Ringelnatter. Und dann kommt sie, die große Flut – alle paar Jahre oder Jahrzehnte. Panik allüberall. Nur, diejenigen, die es wesentlich besser wissen (!!!), ließen zu, dass aus der Niederung Bauland wurde. Politischer und vielleicht auch bürgerlicher Wille.

Politiker machen sich bei Bürgern manchmal unbeliebt. Zum Beispiel dann, wenn Eigentum in Wasserschutzgebiete umgewandelt oder eingegliedert wird. Warum Wiesen und bisher brachliegende Flächen von Bürgern in Wasserschutzgebiete umwandeln? Gegenfrage: Warum haben wohl etliche Thüringer seit dem Juni-Hochwasser 2013 nichts gegen Enteignungen und Umwandlung eigenen Landes in Überschwemmungsgebiete? Weil die Politiker jahrzehntelang blind waren und diese Bürger die Nase voll davon haben, alle paar Jahre Fluss- und Bachwasser aus ihren Häusern zu pumpen. Die Landwirte beträchtliche Ernteeinbußen haben – garantiert vorhersehbare – und, endlich, hoffentlich dauerhaft, das Interesse an nachhaltiger Politik steigt.

  • Nachhaltig ist es, Flüsse nicht mehr in enge Betten zu zwängen, so dass die Fließgeschwindigkeit durch gerade Deiche bei Hochwasser noch höher wird als sie eh schon ist.
  • Nachhaltig ist es, wenn Politiker das „große Ganze“ im Blick haben und in diesem Sinn handeln.
  • Nachhaltig ist es, wenn wir mit historischer Tiefenschärfe sehen und aus der Historie lernen.
  • Nachhaltig ist es, freiwillig zum Nutzen aller auf Land, das man vielleicht doch noch selbst als Bauland teuer verkaufen könnte, zu verzichten.

Überschwemmungsgebiete ihre „Arbeit tun lassen“

Das schließt Menschen und Ökosysteme mit ein. Ja, Sie haben Recht. Die gefährlichen Hochwässer kommen nur alle paar Jahre und, wer weiß mit dem Klimawandel und so, in 50 oder 100 Jahren gar nimmer mehr.

Mögen Sie Tiere? Wenn Sie Tiere mögen, dann stimmen Sie bestimmt für Wasserschutzgebiete contra Bauland. Denn bei Hochwasser – nicht nur bei den für uns selbst gefährlichen – kommen jedes Mal viele Tiere um ihr Leben: Hasen, Hamster, Mäuse, Ratten, Rehe und Kitze, Reptilien und Amphibien. Auch Vieh, das nicht mehr rechtzeitig von den Weiden geholt werden kann, ersäuft dabei jämmerlich.
Fassen Sie sich mal an Ihre eigene Nase. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir wieder mehr solcher „Fantasiereise-Niederungen“ in unseren Städten hätten? Übrigens nicht nur als Erholungsgebiete für uns nützlich. Sondern mit vielfältiger Flora interessant für viele Tiere: Insekten wie Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Libellen. Damit auch für die, die diese zum Fressen gern haben: Frösche, Kröten und Co. 😉 ; und damit auch für durch die Wiesen streifende Ringelnattern und Störche, auf der Suche nach leckeren Amphibien…

Diese Liste ließe sich noch endlos fortführen. Wenn Sie Naturkundige/r sind, fällt Ihnen bestimmt auch ohne meine Hilfe noch so Einiges dazu ein. Und alle anderen haben bestimmt Ihre Erinnerungen aufgefrischt – an das, was mal war oder das, was sie bereits in der Grundschule mal lernten 😉

Silke Bicker

Autor: Silke Bicker

Ich schreibe und lehre für Organisationen, die mit unterschiedlichen Medien Wissen über Natur kommunizieren. Darüber hinaus berate ich Dienstleister zu ihrem individuellen PR-Konzept und unterstütze sie dabei, dieses selbst gut umsetzen zu können.

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