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Gier frißt Hirn II – Umgang mit Auen

Das Wissen über Hochwasserschutz und Flussmanagement ist längst da und dennoch werden weiter munter Baugebiete in Hochwasserlagen angesiedelt. Landwirte verscherbeln viel zu billig fruchtbare Auenböden, Bauingenieursfirmen reiben sich die Hände ob des lukrativen Geschäfts, das sie erwarten, künftige Eigenheimsbesitzer achten nicht auf Eintragungen in Kirchen- oder Gemeindebüchern (s. u.) und freuen sich auf die herrliche Lage am Fluss.

Ufer vom Raddampfer aus_Erdhaftig.de

Die Politik? Spielt das Spiel mit dem Wasser mit. Wenn die nächste große Flut kommt, haben die Urheber ihre Gelder eingestrichen, die Einwohnerzahlen wurden größer, Naturschützer versuchen für einzelne Arten statt des Ökosystems Flusslandschaft zu sensibilisieren, Laien kämpfen derweil unterstützt von vielen Helfern gegen die Fluten und  Sanierungsfirmen freuen sich auf die gute, kommende Auftragslage. So schaut´s aus. Die permanenten Ärgernisse:

Das gefährliche Spiel mit den Flussauen

➡ Wieso wird immer noch Bauland in Überschwemmungsgebieten ausgewiesen? Der Ärger ist vorprogrammiert, selbst wenn es „nur“ alle zehn Jahre wieder mal soweit kommt.

➡ Vielfach planen Raum- und Landschaftsplaner am Computer mit GIS. Kartierungen vor Ort werden seltener, auf Ortsbezeichnungen in (teilweise historischen) Karten achten noch wenige. Das gilt natürlich nicht für alle Planungsbüros. Wenn wirtschaftliche Interessen groß sind, wird auch in solchen Risiko-Gebieten gebaut: Gier frißt eben Hirn.

➡ Werden Siedlungen /Häuser in Überschwemmungsgebieten gebaut, erhöht sich im Fall eines Hochwassers die Fließgeschwindigkeit rapide. Denn das Wasser kann nicht mehr ausweichen. Abgesehen davon müssen die Siedlungen mit Deichen geschützt werden:
Diese begrenzen Hochwasser und sorgen zusätzlich für höhere Fließgeschwindigkeit und Wasserkraft, die wiederum auf die Deiche drückt. Ein unschönes, aber praktisches Beispiel ist Deggendorf – Flusslandschaft mit Hausdachinseln. Südlich der Kreisstadt fließt die Isar in die Donau. Und schaut man sich das Gebiet auf Karten an, sieht man viele Bäche und Flüsse des Voralpenlandes samt entsprechenden Ortsbezeichnungen (s. u.)

➡ Wirtschaftliche Nutzung ist auch durch Forst und Nutzung von Auwäldern möglich.

➡ Hat schon mal jemand die Summen, die durch das Erhalten des Verkaufs von Auenland, Grundstücksverkauf und Hausbau sowie die entstehenden Ausgaben für die Renovierung eben dieser Gebäude, Altstadt-Restaurierungen inklusive Auflagen des Denkmalschutzes, der Renaturierung von Flächen, Ausbesserung von Straßen und so weiter nach Hochwasserschäden gegen gerechnet? Ich könnte mir vorstellen, dass letzten Endes die Ausgaben deutlich höher sein könnten. Kostenminimierung durch vernünftige Nutzung von Überschwemmungsgebieten wäre dauerhaft sinnvoll.
Aber nein, dann hätten ja die Sanierungs-Leute nicht mehr soviel zu tun… (ironisch). Doch ein abgekartertes Spiel mit dem Wasser?!?

➡ Auch die Agrarwirtschaft spielt das Hochwassermonopoly mit teilweise verdichteten Ackerböden mit.

➡ Naturschützer sollten nicht nur einzelne Arten  sondern das „große Ganze“ in den Fokus rücken. Kein normaler Mensch versteht warum wegen einiger Froschlöffel, Laubfrösche oder Keiljungfern irgendwo nicht gebaut werden soll. Nicht, dass die einzelnen Arten unwichtig sind. Nein, jedoch hängen auch diese von dem Ökosystem, auf das sie angewiesen sind, ab. Vernünftige Argumente sind besser angelegt als fanatische Missionen. Letztere sind Schuld daran, wenn der Naturschutz in wesentlichen Bereichen oft wenig Gehör findet.

➡ Erben, die die Landwirtschaft nicht weiter betreiben wollen, verscherbeln den fruchtbaren Auenboden an willige Käufer -„Leben am Wasser“ ist dann die Devise. Viele der Auenböden sind die fruchtbarsten überhaupt mit hohen wasserbindenden Lehm- und Tonanteilen. Nie wieder als solche zu gebrauchen, stehen erstmal Straßen und Gebäude darauf. Ich kenne Bodenkundler, denen die Tränen kommen, wenn solche Auenböden für sowas verscherbelt werden. Ich selbst werde sauer. Bester Ackerboden für Nahrungsmittel und zur Aufnahme von Hochwasser einfach dahin. Können wir uns das wirklich leisten?

➡ Das nötige Wissen haben nicht nur Landschaftsplaner, Bio- und Ökologen sondern auch Hydrogeologen, Bauingenieure, Wasser- und Wegebauer und Co.

Leidtragende

Wir Menschen leiden beileibe nicht als Einzige darunter. Wir sind nur diejenigen, die an unserer Situation Einiges ändern können. Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein gekoppelt mit ökologischem Wissen und Bewusstseinsbildung sollte in gewissen Fällen in jedem Rathaus, jeder Regierung – ob Bundesland oder Staat – vorhanden sein und vor allem genutzt werden. Das Wissen ist da. Dessen Nutzung erlebe ich leider viel zu selten. Stattdessen ist das Geschrei groß, wenn die vorhersehbare Katastrophe dann doch tatsächlich eintritt. Das nützt den Laien dann leider gar nichts mehr, denn die betroffenen Wohn- und Gewerbegebiete sind schon abgesoffen.

Der Staat soll helfen – der Staat, das sind wir alle. Nicht nur die Landes- oder gar Bundesregierung. Und wir alle haben Verantwortung für unsere Taten.

Weitere Leidtragende:

  • Wiesenbrüter
  • Niederwild und auch Jungtiere
  • Reptilien

Aussagekräftige Ortsbezeichnungen

Grevenbroich (Broich = Bruch- / Sumpflandschaft)
Oderbruch
Niederahlteich (steckt Niederung drin)
Fischerdorf
Auendorf oder Aunkirchen oder Deggenau oder Glasau
Unterrieden oder Bernried (Ried wie Reet oder Schilf)

Flussauen reinigen unser Wasser effektiv

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) gibt reichlich Informationen in dem Artikel Hochwasserschutz und Flussauen. Hochinteressant ist ebenfalls diese Karte, die den Verlust der Flussauen in Deutschland zeigt. Vor allem, weil sich das Hochwasser im Juni 2013 vor allem in diesen Flächen ausbreitete. Das Sprichwort „Der Natur seinen Lauf lassen“ bekommt hier eine Bedeutung. Naturschützer und Gewässerökologen wettern seit Jahren für besseren Hochwasserschutz durch Renaturierung der Auen, weniger Versiegelung und vor allem gegen die Ausweisung von Bauland in bestehenden und ehemaligen Auen. Dazu gibt das Netzwerk für Biodiversitätsforschung in Deutschland Infos zu den „Nieren der Natur“ heraus.
Zur Flutkatastrophe 2013 an Donau, Neckar, Elbe, Saale kommentierte die  Stuttgarter Zeitung passend und kurz.

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Silke Bicker

Autor: Silke Bicker

Ich schreibe und lehre für Organisationen, die mit unterschiedlichen Medien Wissen über Natur kommunizieren. Darüber hinaus berate ich Dienstleister zu ihrem individuellen PR-Konzept und unterstütze sie dabei, dieses selbst gut umsetzen zu können.

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